Allein
Stünde ein anderer an meiner Stelle, es würde ihm ergehen wie Madame. Auch sie hat die Falle nicht bemerkt, nicht einmal, als sie schon längst hineingetappt war. Das ist ihre herausragende Eigenschaft: ihre Unauffälligkeit. Nichts weist darauf hin, dass meine Umgebung etwas anderes sein könnte, als ganz normale Wohnräume. Das Opfer wiegt sich selbst dann noch in Sicherheit, wenn es die Bestandteile der Falle betrachtet, in die Hand nimmt oder gar in Bewegung setzt und sich damit umso tiefer in sie verstrickt. Alles sieht aus wie zufällig hier versammelt. Dabei habe ich nichts dem Zufall überlassen.
Die Kerzen. Jetzt brennen sie, wie Kerzen in einem Kerzenleuchter eben so brennen. Genau das habe ich von ihnen erwartet und damit erzielte ich den gewünschten Effekt. Doch obwohl Madame deutlich erkennbar auf die Illumination reagierte, macht sie sich noch immer keinerlei Vorstellung davon, welch hohes Maß an Vorbereitung nötig war, um sie zu entzünden und zwar so, dass es beiläufig und ungeplant schien. Welchem Zweck dient Kerzenlicht? Es ist dazu da, Liebende in Stimmung zu bringen. Ihre Augen leuchten zu lassen. Die zwei Menschen im Innern des Lichtkreises in Wärme und Vertrautheit zu hüllen und zugleich von allen Unwägbarkeiten in der Welt da draußen abzuschirmen. Es gibt kein Vertun, Kerzenlicht ist stets begleitet von amourösen Absichten. Wer eine Kerze entzündet, dessen Gefühle sind verraten. Niemand kann einen Leuchter mit einem Dutzend Kerzen bestücken, ohne sich damit der Berechnung und der Erwartung schuldig zu machen. Exakt das, was ich unbedingt zu vermeiden suchte. Diese Überlegung stand am Anfang des wichtigen Fallenbestandteils „Kerzenlicht“. Wie konnte ich die Kerzen zum Brennen bringen, ohne dabei meine Motive offen zu legen?
Dann war da noch eine weitere offene Frage. Wenn ich schon Kerzen bereitstellen musste: Sollte ich ihnen bis zu Madames Eintreffen ihre Unversehrtheit lassen? Oder sie besser ein Stück weit herunterbrennen? Eine schier unlösbare Aufgabe. Ist schon die bloße Anwesenheit von Kerzen verräterisch genug, verstärkt sich dieser Eindruck, wenn sie noch unbenutzt sind. Welcher andere Rückschluss lässt sich aus unberührten Kerzen schon ziehen, außer dem, dass ihre Unschuld für einen bestimmten Zweck bewahrt wurde? Für einen allzu offensichtlichen Zweck, der nun gekommen ist. Einer Dame bleibt angesichts solch plumpen Kalküls nur ein Weg, ihren Anstand zu wahren, und der führt schnurgerade zur Eingangstür hinaus. Neue Kerzen verboten sich daher von selbst. Noch schlimmer freilich wäre es, sie mit Kerzen zu empfangen, von denen bereits ein Stück verbraucht wurde. Zu welchem Anlass, so würde sie sich zu Recht fragen, hat dieser Herr Kerzen entzündet? Und mit wem? Weitere peinliche Fragen würden sich anschließen: Was war aus dem Tete-a-tete geworden? Wo war die Auserwählte jetzt? Wusste sie davon, dass nun hier derselbe Mann im selben Raum mit denselben Kerzen drauf und dran war, eine andere in Kerzenschein zu tauchen? Wieder ließe ich ihr keine andere Möglichkeit, als unverzüglich den Rückzug anzutreten und den Kontakt mit diesem Filou abzubrechen.
Lange Zeit haderte ich mit beiden Möglichkeiten. Solange ich die Kerzen in Spiel bringen musste, waren mein Ruf und meine Integrität in Gefahr. So oder so. Schon stand ich kurz vor der Entscheidung, trotz ihrer hohen Bedeutung für das Gelingen meines Plans auf die Kerzen zu verzichten, als mir schließlich ein rettendes Licht aufging. Es geschah bei einer abendlichen Spazierfahrt. Eine vermutlich schlecht gewartete Straßenlaterne lag auf meinem Weg und just, als ich darunter hindurchfuhr, begann sie unvermittelt zu flackern und erlosch wenig später ganz. Das war es. Ich hatte mein Alibi gefunden. Der Rest war, da das Ziel endlich bekannt war, reine Tüftelei und so richtete ich es ein, dass uns vor wenigen Augenblicken auf dem Weg zur Couch, wo wir einen Digestif einnehmen werden, plötzliche Dunkelheit heimsuchte. Ich hatte den Lichtschalter betätigt – und es ward ein Flackern, gefolgt von Finsternis. „Nanu? Das ist aber unwahrscheinlich. Zwölf Birnen, die allesamt auf einen Streich durchbrennen. Unwahrscheinlicher als vom Blitz erschlagen zu werden, würde ich auf die Schnelle behaupten.“ Unser erstes gemeinsames Abenteuer. Ich tastete nach ihrer Hand. Sie fürchtete sich bestimmt im Dunkeln, ich musste jetzt für sie da sein, ihr Zuversicht einflößen. „Beunruhige dich nicht. Ich habe für solche Fälle Kerzen vorrätig. Komm.“ Ich führte sie. Schon jetzt war sie mir ausgeliefert, aber ich nutzte die Situation nicht aus. So landeten wir Hand in Hand vor dem seinen Einsatz erwartenden Leuchter. Ich holte das Feuerzeug aus der Tasche, ließ es kurz aufleuchten und drückte es ihr in die Hand. Auch wenn sie dafür beide Hände bräuchte und unsere Verbindung wieder gekappt würde. Sie sollte das Licht entzünden. Das tat sie - et voilà! Ohne dass sich einer von uns beiden aufdringlicher Absichten schuldig gemacht hätte, fanden wir uns in einer romantischen Umgebung wieder. Allein. Unbeobachtet.
Auf den zwanzig Schritten in Richtung Speisezimmer fühle ich mich beobachtet. Das kenne ich schon. Ohne hinzusehen weiß ich, es sind die Blicke von „Maman“ und „Gemahlin“, die mir im Kerzenschein die gesamte Länge des Raums hinweg folgen. Ich meine, in ihren Augen Missbilligung zu spüren, als wüssten sie um die Rollen, die sie zu spielen haben, als würden sie mich dafür mit stummen Spott verhöhnen. Absurd. Die Künstler waren einfach etwas besser als gewollt. Absolut absurd. Aber auch ein ganz kleines bisschen unheimlich.
Im Speisezimmer erwarten mich die Reste des Mahls, die mich in den nächsten Stunden nicht zu stören haben. Warum nur sieht eine aufgegessene Tafel, welche Erlesenheiten sie auch enthalten haben mag, unweigerlich so aus, als wären die Räuber da gewesen? Egal. Es kommt der Moment, da muss ein Mann wider seine Natur handeln, um den Fortbestand seines Geschlechts zu sichern, darum unterdrücke ich den Drang, den Raum augenblicklich in einen reinlichen Zustand zu versetzen. Dafür ist jetzt nicht der Zeitpunkt.
Über den positiven Einfluss des Essens auf die Liebe wurde schon alles gesagt. Ich habe dem nichts hinzuzufügen, außer meinem persönlichen und daher bescheidenen Résumée: Es stimmt! Essen und Libido, das sind die beiden Flügel, mit denen sich die Liebe in die Lüfte schwingt. Wer darum weiß, kann sich den Effekt zunutze machen. So wie ich mit meiner kleinen Liebesfalle.
Man muss nur ein paar einfache Regeln beachten. Viele Köche, die ihre Gäste mit Speis und Trank einzunehmen versuchen, scheitern kläglich. Und nicht nur das, in ihrem Versagen lassen sie sich auch noch dazu hinreißen, dem Essen rundheraus jede sinnliche Macht abzusprechen. Mit hängenden Häuptern kauern diese verhinderten Zauberer über den Resten ihrer Souffles, allein, da ihr Opfer sich längst verabschiedet hat, und sie verstehen nicht, wie es dazu kommen konnte. Haben sie nicht Stunde um Stunde trainiert, um die Mahlzeit perfekt zuzubereiten? War das Souffle kein adäquates Gegenstück zur Schönheit ihres Mädchens? Haben sie es mit zu viel, mit zu offenkundiger Liebesmüh vergrault?
Kretins.
Was sie nicht wissen, ist folgendes. Es kommt fast gar nicht darauf an, was sie ihr anbieten. Ein Schälchen Oliven, ein paar Früchte, sogar eine Handvoll Nüsse können durchaus ihren Zweck erfüllen. Was zählt ist einzig und allein, dass die Speise richtig dargeboten wird und zwar, wie an Madames Exempel sehr schön zu erlernen ist, in etwa so: Ein ungedeckter Tisch. Nichts auf dem Herd, der Ofen aus. Ich hatte keine formelle Einladung ausgesprochen und sie keinen Grund zur Annahme, sie würde bewirtet. Als sie sich niederließ, auf einem einfachen Stuhl am schlichten Tisch, stand dort nichts außer einer Schale Weintrauben. Bloß keine Umstände. Sie musste ihre Scheu verlieren und mir vertrauen lernen. Das gelingt am besten in kleinen Schritten. Der Verzehr einer Traube ist der perfekte Auftakt, verpflichtet er doch zu keinerlei Dank oder Gegenleistung. Wer sich darauf einlässt, muss nicht fürchten, die nächsten Stunden festgenagelt zu sein und keine freie Entscheidung – zuvorderst die, sich zu verabschieden – mehr treffen zu können. Unauffällig in Reichweite platziert, ist die Traube ebenso schnell wie gedankenlos verspeist. Ein Genuss, der wiederholt werden will. So hatte Madame wenige Momente, nachdem sie Platz genommen hatte, im wahrsten Sinne des Wortes angebissen. Ohne freilich zu ahnen, dass sie an meinem Haken hing. Jetzt musste sie nur noch an Land gezogen werden und ähnlich wie der Angler seine Schnur Stückchen für Stückchen einholt, kredenzt der kluge Gastgeber seine Köder nacheinander und in kleinen Happen. Eine Flasche war rasch entkorkt, zwei Gläser dazu und schon stießen wir an. Dass Trauben und Wein von derselben Rebe stammen, sollte nicht ausgesprochen werden. Die Tatsache veredelte den Genuss - darüber zu sprechen, hätte ihn gemindert; mit den Mühen zu prahlen, die ich für diese Nebensächlichkeit auf mich genommen habe, wäre obendrein aufschneiderisch gewesen. Zum Wein gehört gebrochenes Weißbrot, ebenfalls ohne Aufsehen zu erregen serviert, und da ich es war, der zum Brot gerne etwas Pastete haben wollte, die, welch ein Zufall, am Vortag übrig geblieben war, durfte sie auch hierbei nichts Arges denken. Aber das wäre ihr sowieso nicht mehr in den Sinn gekommen, denn sie war bereits zu beschäftigt mit dem Genuss, als dass sie diesen noch hinterfragt hätte.
Gefräßig, wie sie in diesem Stadium sind, geht ihnen jede Scheu verloren, sie wundern sich nicht einmal mehr, wenn auf einmal Wachteln, Forellen oder ein Lammrücken vor ihnen erscheinen. Zufrieden und voller Vertrauen schlucken sie, was da kommt. Das ermöglicht es dem Wirt, ihren Hunger über Stunden hinweg zugleich hinzuhalten und zu besänftigen - ein Spiel, das sie hinter jedem Bissen den Höhepunkt vermuten lässt, der jedoch nie erreicht, oder besser noch: ständig übertroffen wird. Ein Erfolg, der Genugtuung verschafft und ad infinitum fortgesetzt werden könnte. Wäre da nicht das eigentliche Ziel, das ich mit Madame verfolge. So aber wartete ich ab, bis sie mir eines der unbewussten Zeichen gab, etwa ein längeres Geschlossenhalten der Lider, ein leises Seufzen oder das Auftauchen ihrer Zungenspitze zwischen den Lippen, eines dieser Zeichen also, mit dem sie ihre Bereitschaft signalisieren, das letzte uns noch trennende Türchen zu öffnen. Dann bat ich sie, mir zu folgen.
Sobald Madame aus dem Badezimmer zurückkehrt, werde ich den wichtigsten Teil meiner Liebesfalle in Gang setzen: mich. Bis zu diesem Punkt habe ich mich, was meine Person angeht, bescheiden im Hintergrund gehalten. Ganz im Geiste meines Mädchens, das mir seinerzeit Manieren lehrte: Bei Tisch präsentiere niemand Einblicke in sein Inneres. Keiner belästige die Gesellschaft mit seinen Befindlichkeiten oder überrasche den Tischnachbarn mit Szenarien, die ihn dazu nötigen, ein über das Verspeisen der nächsten Gabel hinausweisendes Engagement zu erbringen. Jedes Ding hat seine Zeit, aber bei Tisch ist kein Platz für Anträge, egal ob familiärer oder geschäftlicher Natur. Die Erfolg bringende Strategie heißt: Zurückhaltung. Gedulde dich! Gewähre den Gerichten die Zeit, die sie brauchen, um ihren Zauber zu entfalten! Gehe währenddessen verschwenderisch mit Schmeicheleien um, denn an diesem Gewürz ist noch keine Speise verdorben. Eine Lektion, die ich gut gelernt und stets befolgt habe. So werden Tischgenossen gefügig. Ist sie satt und zufrieden, hat jegliche Argwohn aufgegeben, fühlt sie sich umhegt und geborgen, dann endlich ist der richtige Zeitpunkt gekommen. Dann wird sie sehen, mit wem sie es wirklich zu tun hat. Dann betrete ich die Bühne.
Mit dem nachgefüllten Glas in der Hand verlasse ich das Speisezimmer und posiere vor dem großen Spiegel. Ich bin, es gibt dafür leider keinen passenderen Ausdruck, perfekt. Corpus sanus: welch ein Gefühl! Meine Gesundheit ist unerschütterlich. Ich werde nicht krank. Seit dem Absolvieren der Masern kann ich mich nicht erinnern, jemals einen Schwindelanfall bekommen, gehustet oder mir auch nur eine juckende Stelle gekratzt zu haben. Gardemaß, Reiterfigur. Eine Physiognomie, die der gemeine Zeitgenosse mit Attributen wie scharfsinnig und unbestechlich verbindet. Man möchte sich in meiner Anwesenheit sonnen, als könnte ein Mensch auf den anderen abfärben. Ich wohne in einer körperlichen Hülle, der Fremde ihre Geheimnisse, ihre Geldbörse und ihre Tochter anvertrauen. Einfach so. Weil sie mich so hübsch finden. Weil sie glauben, wer so aussieht, ist gar nicht dazu imstande, ihr Vertrauen zu missbrauchen. Ich strahle Solidität aus und Seriosität, was wohl nicht zuletzt daher rührt, dass ich mich in einem Alter, in dem andere gerade damit anfangen, sich Gedanken über ihre Karriere zu machen, bereits aus jeglichem Tagesgeschäft zurückgezogen habe. Einer meiner Lieblingsausdrücke: finanzielle Unabhängigkeit. Ein Leben, für dessen Unterhalt ich keinen Finger rühren muss. Meine materiellen Bedürfnisse sind gedeckt, komme, was da will. Sicherlich könnte meine Apanage noch höher ausfallen, aber für meine Spesen ist auf Lebenszeit gesorgt, woran weder Regierungswechsel noch Schwarze Freitage etwas ändern werden.
Viele, die wie ich keine Zeit für den Gelderwerb verwenden, begeben sich in einen Zustand geistiger Schwärze. Uns fehlen die Stimulanzien, die herkömmliche Menschen auf Trab halten. Keiner behelligt uns mit profanem Begehr, wir stehen nicht unter Erfolgszwang. Leider geht daran manch einer zugrunde. Nicht jedem ist es gegeben, sich selbst genug zu sein. Nicht jeder behält seinen Verstand, wenn ihm nicht das Leben, manifestiert vielleicht in der Form des Vorgesetzten, vorschreibt, was er zu tun und zu unterlassen habe. Es ist schon traurig: Hier das Heer der Arbeiter, die sich nichts Erstrebenswerteres ausmalen können, als ihr Werkzeug aus der Hand zu legen und sich dem Müßiggang hinzugeben – dort jene Privilegierten, die nichts mit sich anzufangen wissen und sich nichts sehnlicher wünschen als eine Mission, gleich welche, oder wenigstens eine Aufgabe, egal wie unbedeutend.
Der Mensch und seine Gier nach Anerkennung! Wer bin ich, ihn zu kritisieren? Lieber verbringe ich meine Zeit damit, mich darüber zu freuen, dass mich die Leere bislang verschont hat. Ich bin, zum Glück, frei vom bohemen Ennui. Meine Tage können gar nicht lang genug sein und in meinen Nächten wünsche ich, sie mögen niemals enden. In seinem Drang zu wachsen, gönnt mir mein Geist keine Pausen. Lernen, begreifen, verstehen. Sei es die Geschichte des Menschen, seine Künste, immer noch eine Sprache, das Gespräch mit Gott oder das Laborieren mit Glühbirnen: An Zeitvertreib mangelt es mir wahrlich nicht. Zumal ja noch immer eine der größten Fragen unserer Zeit der Beantwortung harrt, die bekanntlich lautet, was will das Weib? Oder, um es ein bisschen praxisbezogener zu formulieren: Wie bringe ich dieses Weib dazu, mir zu geben, was ich will?
Ich könnte mich noch stundenlang im Spiegel betrachten und Beweise für meine Perfektion aneinander reihen, doch bin ich dieser Gedanken überdrüssig. Ich bin wie ich bin. Dessen bedarf es keines Beweises. Ich bin wie ich bin und damit geht es mir wie jedem anderen Menschen, der sich damit abfinden sollte, er selbst zu sein und der er selbst bleiben wird, egal, was er anstellt und ob er sich dagegen auflehnt. Das ist, auch wenn es mir niemand jemals abkaufen wird, selbst in meinem Fall, im Falle des perfekten Menschen, durchaus nicht immer leicht. Nicht dass ich mich über mein Los beschweren möchte - aber beneiden sollte mich um meine Perfektion keiner. Wir alle haben unser Kreuz zu tragen, und niemand darf sich einbilden, er wüsste, wie sich das Kreuz seines Nachbarn trägt. Schon gar nicht, wenn es sich um ein so seltenes handelt wie die Perfektion, die mir auferlegt wurde. Andere mögen mit Haarausfall, Selbstzweifeln oder einer verkorksten Familie geschlagen sein. Vielleicht wünschen sie sich, ein bisschen so zu sein wie ich - frei von jeglichem Makel. Sie mögen sich wünschen, für einen Tag von ihrer Last befreit, sorglos und mit allen positiven Qualitäten versehen, das Dasein zu genießen. Was weiß ein Mensch schon von den Sorgen eines andern? Sie mögen mich beneiden, anbeten oder verfluchen. Sollen sie doch. Aber eines können sie nicht: sich in meine Lage versetzen und das Gewicht spüren, das mein Schöpfer mir auf die Schultern gelegt hat, als er mich als sein perfektes Ebenbild erschuf.
Perfekt zu sein ist, auch wenn es mir niemand glauben mag, keine leichte Bürde. Während jeder Normalsterbliche seinen Mangel, und sei er noch so gewöhnlich und unbedeutend, zu Markte tragen und dort gegen Mitgefühl eintauschen kann, habe ich auf keinerlei Sympathie zu hoffen. Zunächst einmal glaubt mir niemand, dass ich perfekt bin. „Wer ist schon perfekt? Niemand.“ Eröffnete ich mein Argument und entkräftete Zug um Zug jegliche Einwände meines ungläubigen Gegenübers, so bliebe zuletzt der Vorwurf stehen: Meine so genannte Perfektion sei größenwahnsinnig und Ausdruck jeglichen Fehlens von Realitätssinn. Dies wiederum gelte nach menschlichem Dafürhalten kaum als Kennzeichen von Charakterstärke, ergo könne von Perfektion keine Rede sein. Quod erat demonstrandum.
Nicht dass ich solches tatsächlich zu hören bekäme, denn derartige Unterhaltungen vermeide ich grundsätzlich, auch wenn ich sogar den letzten Einwand zu entkräften verstünde. Es ist nämlich keineswegs so, dass ich mit meinem Zustand kokettiere oder auch nur insgeheim stolz darauf wäre. Ich wünschte, es wäre anders. Ich wünschte, ich wäre nicht perfekt. Denn wie die Unterhaltung zeigt, wird der perfekte Mensch von seinen Artgenossen verstoßen. Sie mögen ihn nicht. Er ist ihnen fremd. Zuneigung empfindet der Mensch zu Menschen, die ähnliche Fehler aufweisen wie er selbst. Er will mit ihnen gemeinsam ein Leid durchstehen können. Er will ihre Missgeschicke nachempfinden und dazu muss er ähnliche Fehler haben. Wie ich aber ist sonst keiner auf dieser Welt. Niemand kann nachvollziehen, was es heißt, ich zu sein. Einer wie ich hat unter den Menschen keinen Platz. Deswegen habe ich die beiden Porträts in Auftrag gegeben.
„Maman“ und „Gemahlin“. Die beiden schwarzen Flecken meiner ansonsten makellosen Vita. Wie sie da hängen, dem Betrachter ihr gefälligstes Gesicht gönnend, mag man es kaum glauben. Dass ausgerechnet an ihnen ein Exempel statuiert werden sollte. Dort oben scheinen sie außerhalb der Reichweite des alltäglichen Unglücks, sorglos und unberührbar. Schön, ohne eitel zu sein. Manchmal fühle ich mich, wenn ich mir die beiden so anschaue, als würde die Liebe niemals nach einer Belohnung schielen, dann bin sogar ich davon überzeugt, dass Reinheit und Unschuld mehr sind als hohle Klischees. Die Geschichten, mit denen ich Madame den beiden porträtierten Damen vorstellen werde, sind schwer zu glauben, selbst ich, der ich dafür die volle Verantwortung trage, tue mich schwer damit, aber es muss sein, denn sie werden mich zum Mensch unter Menschen machen. Sie werden dafür sorgen, dass Madame mich zu lieben lernt. Die linke, gefertigt von einem befreundeten Künstler, 60 auf 40 Zentimeter, Öl auf Leinwand, nach Vorlage einer Fotografie, die beinahe so schwer aufzutreiben war die Trauben, ist Maman. Und das ist ihre Geschichte.
„Die Frau Maman selig. Viel zu früh hat sie mich verlassen. Darf ich dir mein Geheimnis anvertrauen? Sie war nicht einmal so alt wie du jetzt bist, als sie… Mein Schatz an Erinnerungen an sie ist nicht sehr umfangreich, ich war erst neun Jahre alt, als sie…, aber nichts hüte ich sorgfältiger als diese paar, diese glücklichsten Momente meines Lebens. Ich weiß nicht, wie sie es schaffte, sie musste ja nebenher noch die Geschäfte am Laufen halten, aber dennoch ist mir, als wäre sie immer an meiner Seite gewesen. Wie du weißt, ist nichts stärker als die Liebe, die eine Mutter an ihr Junges bindet. Aber von allen Müttern ist – war – meine die beste. Du schaust ungläubig? Ich weiß, viele Männer halten es für schick, die eigene Mutter zu ikonisieren. Sie machen eine unantastbare Heilige aus ihr. Keine backt einen besseren Apfelstrudel, nie wird es eine Schönere geben, alle anderen Frauen dieses und immer werde ich sie jenes. Ich kenne die Sprüchlein und sei versichert, ich halte sie für genau so aufgesetzt wie du. Was glauben diese Muttersöhnchen mit ihrem Gehabe bloß zu erreichen? Trotzdem stehe ich hier und sage nichts als die Wahrheit: Maman war die beste. Schau sie dir genau an. Sieht sie nicht selbst gemalt noch so aus, als würde sie ihren Schatz behüten? Geh’ ruhig näher ran, sie hätte dich sehr gemocht. Los. Alle meinen, sie ist nur für mich gestorben, aber das stimmt nicht. Wirst du bei mir bleiben, auch wenn ich dir jetzt erzähle, was ich noch keinem anvertraut habe? Sie ist nicht für mich gestorben, sondern durch mich. An ihrem Tod trage ich und nur ich die Schuld. Sie wollte mich retten und rannte in das brennende Haus. Ich hatte das Feuer gelegt. Natürlich wollte ich nicht, dass das Haus abbrennt. Ich wollte mit den Streichhölzern, den Schnipseln und dem großen Aschenbecher aus Marmor nur spielen, obwohl oder vielleicht weil sie mir wieder und wieder verboten hat, alleine zu zündeln. So sehr hatte sie mir eingeschärft, auf keinen Fall mit Feuer zu spielen, dass ich das schlechte Gewissen nicht ertragen konnte, als auf einmal die Tischdecke zu brennen anfing. Wieder und wieder habe ich diese paar Momente erlebt. Das Papier brennt. Es fliegt hoch. Es landet. Die Tischdecke verfärbt sich unter den Flammen. Noch ist es nicht zu spät. Ein Glas Wasser und der Mut, für meine Tat gerade zu stehen, und alles wäre ganz anders gekommen. Aber ich schämte mich zu sehr. Sie zögerte keinen Moment, ihr Leben für meines zu geben. Mich retten, höchstpersönlich ins brennende Haus rennen und mich herausholen. Falls sie mich nicht retten konnte, mit mir gemeinsam unter dem lodernden Haus ihr Grab finden. Sie brauchte nicht darüber nachzudenken, sie hatte keine andere Wahl, denn das konnte sie nicht: Mitansehen, wie das Funken stiebende Gebälk über ihrem einzigen Sohn zusammenbrach, während sie unnütz dabei stand. Also riss sie sich los von den herbeigeeilten Nachbarn, und so stürzte sie sich, meinen Namen schreiend in das Flammenmeer. Ich habe sie nie wieder gesehen. Ich, der ich mich, nachdem die Folgen meines Zündelns sich abzuzeichnen begannen, feige im Garten unter die Hecke verkrochen hatte, unter der ich nicht mehr hervorkam bis es längst Tag geworden war, mich ein rußgeschwärzter Fremder mit seinen Pranken ans Licht zerrte und dabei ohne Unterlass brüllte, ich solle mich endlich zusammenreißen wie der Mann, der ich ab sofort zu sein hätte. Verzeih mir bitte, es war nicht meine Absicht, dich zu ängstigen. Komm, lass dich in den Arm nehmen. Jetzt weißt du es. Ich bin froh, dass ich mit dir darüber reden konnte. Es tut gut, mit jemandem zu reden, der einen versteht. Du wirst es doch für dich behalten? Versprich mir das! Ruhig. Ganz ruhig. Komm her zu mir.“
Das zweite Bild bekommt diese Geschichte.
„Bitte widme nun deine Aufmerksamkeit dem Bild zu deiner Rechten. Was siehst du? Eine Greisin? Eine Frau, das Gesicht von Falten zerfurcht und mit Altersflecken gesprenkelt? Erkennst du die Furcht in ihren Augen, die ihrer betagten Erscheinung zum Trotz nicht bereit sind, ihren Frieden zu machen? Wenn du das siehst, dann siehst du gerade einmal die Oberfläche dieser wunderbaren, dieser tapferen Frau. Nicht aber ihre Geschichte. Ich will sie dir erzählen. Wärst du Ärztin, so würde dir der Begriff „Werner-Syndrom“ vielleicht etwas sagen, bestimmt aber hättest du schon von „Progerie“ gehört. Dann würde es dich auch nicht wundern, wenn ich dir jetzt sage, die ältere Dame auf diesem Porträt ist – war – meine Gemahlin. Ja, ich war einmal verheiratet. Jetzt bin ich Witwer. Meine Frau, die da oben Abgebildete, wurde nie so alt wie sie aussah. Sie ist gestorben im Alter von nicht einmal 30 Jahren. Keine 30 ist sie geworden. Schuld war ein Defekt eines Gens auf dem kurzen Arm von Chromosom 8, das für eine DNA-Helikase der RecQ-Familie kodiert. Du musst das nicht verstehen, es reicht, wenn du dir über die Folgen im Klaren bist. Die Krankheit entfaltete ihre Wirkung von heute auf morgen und für ein liebendes Paar kann es keine größere Strafe geben, als vom Werner-Syndrom befallen zu werden. Was, fragst du dich, bewirkt diese Krankheit. Ich will es dir sagen: Sie beschleunigt den Alterungsprozess. Die Frau, die von diesem Gemälde auf uns herabsieht, lebte, als hätte sie ein böswilliger Gott auf den schnellen Vorlauf geschaltet. Sie verwelkte so schnell, ich konnte, nein: ich war gezwungen, ihr dabei zuzusehen. Knochen, Haut, Gelenke, ihre Organe – alle ihre Bestandteile verfielen, als währte ein Menschenleben nicht 80 Jahre, sondern nur einen Sommer. Das schlimmste daran: Während sie dahingerafft wurde, war ja für mich ein Tag immer noch ein Tag. Muss ich dir erklären, welche Qualen wir in der kurzen uns gegebenen Zeit durchlitten? Ich lege mich am Abend schlafen – und am nächsten Morgen ist sie einen Monat älter. Ich bin für ein paar Tage auf Reisen – für ihren Körper vergeht ein halbes Jahr. Und an meinen ersten Hochzeitstag diniere ich nicht mit der, die ich geheiratet hatte, sondern mit ihrer Großmutter. Kannst du dir vorstellen, was das heißt? Nein, das kannst du nicht! Hör’ mir gut zu. Das alles hätte ich ertragen. Meinetwegen hätte sie mit mir an ihrer Seite alt werden können und dabei glücklich sein. Auch wenn sie vor Ausbruch der Krankheit eine äußerst attraktive Frau war, habe ich sie schließlich nicht deshalb ausgewählt. Ich liebte sie doch für ihre inneren, für die unvergänglichen Werte. Aber dieses Glück ward uns leider nicht gegeben. Sie war eben eine Frau und wenn sie auch versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, so war es ihr doch unerträglich, zu verdorren, während ich weiter im vollen Saft der Jugend stand. Sie hat nie ein Wort darüber verloren, aber das musste sie auch nicht. Ihr Blick, wenn er unwillkürlich jedes Mal, nachdem er auf meine starken Schultern gefallen war, gleich hinüber zu ihren greisen Hände sprang, um nur wieder und wieder enttäuscht zu werden, dieser Blick enthielt sämtliche Leiden, die je ein eitles Frauenzimmer erduldet haben kann. Gibt es schlimmere Pein für eine Frau, als einen Körper, der die im Überschwang der Jugend gegebenen Versprechen einzulösen nicht mehr imstande ist? Ich glaube nicht. Sieh dir ihre Augen genau an. Ein glückliches Dasein war ihr nicht vergönnt, ihres war kurz und voller Schmerzen, und als sie schließlich verstarb war sie kaum 30 Jahre alt geworden. Sie hinterließ den Körper einer Hundertjährigen.“
An dieser Stelle werde ich eine Pause einlegen. Madame soll die Gelegenheit nutzen, mein Schicksal zu ermessen. Verwaist und verwitwet. Unwiderstehlich.
Dann werde ich vom gerade noch ernsthaften und bedrückenden zu einem jovialen und lebenslustigen Tonfall wechseln, in welchem ich ihr zu verkünden gedenke: „Aber diese Geschichten sind Geschichte. All das ist lange her und längst vergessen. Heute bin ich bereit, ein neues Kapitel meines Lebens aufzuschlagen. Mit dir.“
Wie lange mag sie jetzt schon im Bad verschwunden sein? Schwer zu sagen, es kommt mir aber bestimmt länger vor. Ich muss nachrechnen. Was habe ich denn seither getan? Nicht viel, ich bin ins Speisezimmer gegangen und habe mir einen Drink geholt. Das war’s dann auch schon. Und kurz in den Spiegel geschaut habe ich. Das Getränk ist noch nicht einmal getrunken. Ich kippe es schnell weg. Nur Geduld. Damen brauchen eben auch im Badezimmer ihre Zeit. Soll sie doch, ich kann warten. Mache ich mich eben auf den Weg zum nächsten Drink. Das hat den Vorteil, dass ich an der Badezimmertüre vorbei kommen und kurz lauschen kann, auf ein Rascheln ihrer Kleidung, ein Klappern von Döschen oder fließendes Wasser. Doch nichts davon ist zu hören, allerdings darf ich mich auch nicht allzu lange vor der Tür aufhalten. Wie sähe das denn aus, wenn sie gerade jetzt die Tür öffnete und mich so vorfände, mit spitzen Ohren und vornübergebeugt? Schnell weiter.
Es gibt so vieles, was ich sie fragen muss. Was will eigentlich sie von mir? Was ist sie bereit dafür zu geben? Tut sie das nur, weil sie hofft, damit der Einsamkeit zu entkommen? Sehr wichtige Fragen, denn wenn sie mir die falschen Antworten darauf gibt, werde ich mich leider wieder von ihr trennen müssen. Einsamkeit ist ein Ausschlusskriterium. Niemand sollte sich mit einem einsamen Menschen einlassen. Einsamkeit ist eine Krankheit. Unheilbar. Ansteckend. Ich weiß, wovon ich spreche, ich habe die Einsamkeit studiert. Ich lebe vor den Toren der größten Stadt weit und breit und diese Stadt spült jede Nacht ganze Wagenladungen Einsamer empor. Man erkennt sie daran, dass sie Gesellschaft suchen. Sie können nicht allein sein. Der Starke ist am mächtigsten allein, also meidet er die Gesellschaft der Schwachen. Der Einsame jedoch meint, ausgerechnet dadurch, dass er sich mit seinen Leidensgenossen in einen Raum sperrt, könne er seinen Fluch abwenden. So sammeln sich die Einsamen jeden Abend und verhelfen ihrer Stadt zu dem Ruf, die lebensfroheste des Kontinents zu sein. Welch kolossales Missverständnis. Sie sind laut, sie gehen nicht ins Bett, sie ziehen von einem Lokal zum nächsten und erreichen nie das Ziel ihrer Suche. Doch diese Unruhe ist nicht Ausweis von Lebenslust, wie es die Legende will, sondern ihrer traurigen Einsamkeit. Ich kenne das Spektakel.
Nirgends geht es lauter zu, nie wird aufdringlicher gelacht, als wenn die Einsamen sich versammeln. Sie drängeln sich aneinander, je mehr von ihnen desto besser, und glauben, so die Leere aus ihren Köpfen zu jagen. Die Musik wollen sie so geräuschvoll, dass niemand den anderen verstehen kann. Trotzdem schwätzen sie vor sich hin. Sie tun das, weil sie es mit ihren eigenen Gedanken nicht aushalten und meinen, sie in dem Lärm und unter ihren eigenen Besprechungen zum Verstummen zu bringen. Ständig sind sie in Bewegung, lassen sich hier anschauen, sagen dort hallo, laufen von einer Ecke zur andern und schon bald sind sie verschwunden, nachschauen, ob nicht gerade zwei Straßen weiter ein wichtiges Ereignis ohne sie stattfindet. Ständig müssen sie sich ihres Wertes versichern.
Ihre Währung sind begehrliche Blicke, erhaltene Küsse, Einladungen oder Nachrichten und die Gesellschaft anderer, die möglichst hoch im Kurs stehen. Davon gilt es so viel wie möglich zu sammeln, je mehr sie kassieren, umso einfacher täuschen sie sich über ihre Einsamkeit hinweg und je mehr sie austeilen, umso mehr bekommen sie zurück. In dem Glauben, dadurch noch mehr Wertschätzung auf sich zu ziehen, gehen sie inflationär verschwenderisch mit der eigenen Gunst um. Jeder bekommt ihre Großherzigkeit zu spüren und ist ihr Lächeln auch nicht immer ganz aufrichtig, trifft ihr Verständnis auch einen, den sie nicht leiden können – egal, darum geht es nicht. Ihren Zweck erfüllen die freundlichen Gesten und Worte auch so. Sie erhalten ja im Gegenzug echte Zuneigung zurück. Sie glauben das wirklich. So kommt das Unausweichliche. Jeder einzelne von ihnen wirft, sich auf einem Haufen Diamanten und Gold wähnend, mit Glasperlen um sich, und wartet darauf, endlich von Glückseligkeit und Erfüllung getroffen zu werden.
Hoffentlich gehört sie nicht zu diesen Falschmünzern. Wie soll Madame beschaffen sein? Diese Frage stand ganz am Anfang des langwierigen Auswahlverfahrens, das schließlich sie und keine andere in meine kleine Liebesfalle geführt hat. Worauf ist zu achten? Ich habe lange gebraucht, um diese Frage zu beantworten, doch schließlich fand ich die Lösung in dem schlichten Wort Tugend. Jawoll: Tugend. Tugendhaft. So habe sie zu sein. Warum ich gerade jetzt, kurz vor ihrer Krönung noch einmal darauf zurück komme, liegt wohl darin begründet, dass meine eigene Tugendhaftigkeit noch immer durch Madames Absenz strapaziert wird. Pünktlichkeit ist die eine, Geduld ist die andere Seite ein und derselben Medaille. Ebenso wie es sich gehört, den anderen nicht warten zu lassen, sollte der Wartende angesichts einer sich einstellenden Verspätung seine Contenance wahren. Und obwohl Madame, als sie ins Badezimmer aufbrach, keinen Termin der Rückkehr mit mir vereinbarte, dünkt mir, ich warte nun seit einiger Zeit über Gebühr darauf. Also beweise ich meine eigene Tugendhaftigkeit und bleibe geduldig. Ich würde mich zwar freuen, wenn sie demnächst zurückkäme, aber bis es soweit ist, denke ich nicht an nichts anderes. Ich weiß mich zu beschäftigen. Ich gehe auf und ab. Ich inspiziere Gegenstände. Ich schicke ihr keine unanständigen Wünsche hinterher und auch sehe ich nicht ständig auf die Uhr und das nun schon seit einer geschlagenen halben Stunde.
Allenfalls mache ich mir ein ganz kleines bisschen Sorgen um sie. Ihr wird doch da drin nichts zugestoßen sein? In so einem Bad kann eine Menge passieren. Wasser, Elektrizität, scharfe Gegenstände – es wimmelt darin vor Gelegenheiten, plötzlich und unverhofft aus dem Leben zu scheiden. Ich kenne mein Badezimmer und dessen Ausstattung sehr gut, bei sachgerechter Benutzung ist kein Unheil zu befürchten und doch sollte sie sich lieber nicht zu sicher fühlen. So ein Unfall ist schnell passiert. Aber ich werde nicht an die Tür klopfen. Sie würde das bestimmt falsch verstehen und mich für ungeduldig halten und womöglich würde dann ausgerechnet sie mir mangelnde Tugendhaftigkeit vorwerfen oder, schlimmer noch, sie würde selbst nachlässig werden. Das wollen wir nicht, drum wird brav weiter gewartet.
Dennoch. Ich werde nicht umhin kommen, sie den nötigen Respekt zu lehren. Leider. Banale Küchenpsychologie, traurig, dass der Mensch auf solch unwürdige Anreize getrimmt ist, aber ich habe die Regeln nicht erschaffen. Ich habe nur gelernt, mich ihnen zu beugen. Respekt also ist das Mittel der Stunde. Wie immer, wenn diese Stunde schlägt, graut mir selbst am meisten davor. Ich bin kein Zuchtmeister. Ich glaube an das Wahre, Schöne und Gute im Menschen und der Gedanke, einem so zarten Geschöpf wie Madame wehzutun, erregt mich keineswegs. Ich fürchte mich davor. Schon habe ich eine Gänsehaut. Doch Furcht ist dazu da überwunden zu werden. Unsere gemeinsame Zukunft muss solide und von Dauer sein, auf einen so wichtigen Grundstein wie den Respekt dürfen wir einfach nicht verzichten. Uns bleibt doch gar keine andere Wahl. Wir müssen unsere Verhältnisse ordnen. Auch in der Liebe geht es um Macht. Zwar wollen die meisten Menschen das nicht wahrhaben. Sie leugnen es, sie wollen ein edleres Menschengeschlecht herbeireden, aber ändern tun sie damit leider auch nichts. Ganz gleich, wie zivilisiert sie reden, sie gehorchen doch weiter den einfachen Gesetzen der Macht. Zugegeben, sie sind Demokraten, sie lieben Mehrheitsbeschlüsse, sie nehmen Rücksicht auf Minderheitsmeinungen, sie pflegen den Konsens. Sie diskutieren, sie versuchen zu verstehen und, immer in der Hoffnung, dass ihnen das angerechnet werde, sind sie auch zu Zugeständnissen bereit. Aber am Ende ihrer langen Sitzungen zieht ein jeder von ihnen ganz für sich Bilanz. Dann wird penibel geprüft, wie sie im Wettkampf ihres Willens gegen ihres Zeitgenossen abgeschnitten haben, und es soll mir keiner erzählen, dass er darüber nicht ganz genau Buch führt. Was sonst ist das, wenn nicht das Ringen um Macht. Ein hartes Wort, ich weiß. Doch genau darum geht es. Macht. Und Respekt vor der Macht. Hat man sich erst damit abgefunden, ist die nächste Einsicht nicht fern, die da lautet: Um meine Macht zu sichern, brauche ich eine schlagkräftige Exekutive. Ich werde es Madame richtig geben müssen. Auch darauf bin ich vorbereitet – und sie, das weiß ich bestimmt, wird mir auf Knien dafür danken.
Das Wachs auf meinem Parkett sieht bereits aus wie ein kleiner Vulkan. Die Kerzen sind deutlich erkennbar heruntergebrannt. Draußen ist es Nacht geworden. Außerdem klopfen kleine Tröpfchen an die Gläserfront und machen mich darauf aufmerksam, dass das Wetter umgeschlagen ist. Erstaunlich, was während der Dauer eines Badezimmerbesuchs alles passieren kann. Ich präzisiere: Erstaunlich, was während der Dauer dieses Badezimmerbesuchs alles passieren kann.
Es kommt der Tag im Leben eines Mannes, da muss er handeln, und ich fürchte, im Leben dieses Mannes ist dieser Tag gekommen. Es ist wohl langsam an der Zeit, an die Grenzen meiner Geduld vorzustoßen. Ich sollte nicht länger warten. Ich will sie und ich will sie jetzt. So jedenfalls darf das nicht mehr allzu lange weitergehen, ich hier, sie dort. Es muss etwas geschehen, ich muss eine Entscheidung treffen. Wieder meldet sich die Furcht. Ich fange an zu gehen, mit großen Schritten kleine Kreise auf das Parkett zeichnend, und in Runde drei sehe ich es auf einmal ganz klar vor mir. Ich kann weiter warten. Oder ich kann die Tür zum Bad öffnen. So eine Tür hat schließlich zwei Seiten. Wer will, dass so eine Tür aufgeht, der muss nicht warten, bis die andere Partei zur Klinke greift. Ich kann diese verdammte Türe selber öffnen. Ein schönes Bild eigentlich, eine Metapher für so vieles im Leben. „Erwarte nicht, dass sie die Türe öffnet. Öffne die Türe selbst.“ Hört sich an wie vom Dalai Lama verkündet. Wie viele Missverständnisse, wie viel Leid könnte den Liebenden erspart bleiben, wenn sie sich bloß an den Rat seiner Heiligkeit hielten? Wie viele Menschen mögen in gerade diesem Augenblick, der eine hüben, der andere drüben, nichts sehnlicher erhoffen, als dass der andere endlich diese verdammte Türe öffnen möge? Sie wollen dasselbe, doch sie bekommen sich nicht, weil keiner von uns die simple Handlung vollzieht, eine Türe zu öffnen. Und in so einer zweitklassigen Lachnummer bin ich gefangen! Ich! Eine schöne Liebesfalle ist das! Nicht Madame, ich selbst sitze darin! Die ganze Zeit warte ich auf ihre Rückkehr, warte, dass sie die Tür öffnet und zu mir kommt, dabei könnte ich sie ebenso gut öffnen wie Madame. Wahrscheinlich wartet sie sogar darauf. Sie hat es darauf angelegt, von mir geholt zu werden, sie testet mein Engagement. Freilich, ein etwas gewöhnungsbedürftiges Verhalten ist das schon, sich still wie ein Mäuschen im Bad zu verschanzen und darauf zu spekulieren, dass ich ihr nachlaufe – aber haben Frauen nicht schon absurdere Dinge getan? Oder verrenne ich mich gerade? Sind diese Gedanken bloß alkoholinduzierte Spekulationen, und ich drauf und dran, Madame in eine sehr, sehr delikate Situation zu manövrieren? Wer kann schon ahnen, was sie da drinnen veranstaltet? Ich merke, ich drehe mich nicht nur in der Realität, sondern auch in meinen Gedanken im Kreis. Meine Fragen beantworte ich so nicht. Soll ich die Türe öffnen? Darf ich das? Muss ich es tun? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Auf die Gefahr hin, einen großen Fehler zu begehen und meine kleine Liebesfalle mit einem einzigen Handstreich zu ruinieren: Ich muss die Tür zum Bad öffnen. Ich muss es tun. Jetzt.
Wie einfach das doch geht. Scharf angeklopft, einen Warnruf auf den Lippen die Klinke gedrückt, die Türe aufgestoßen und schon stolpere ich ins Badezimmer! Einfach so. Ich bin selbst überrascht von meiner plötzlichen Entschlossenheit. Eine Überraschung, die jedoch nicht lange währt. Denn noch im Augenblick ihres Entstehens wird sie durch eine zweite, eine noch größere Überraschung abgelöst. Und jetzt jagen sich die Ereignisse. Kaum habe ich die zweite Überraschung erkannt, beginne ich mich selbst zu betrügen. Als hätte es die vergangene Stunde, in der ich partout keine Antwort auf die Frage zu finden imstande war, was Madame wohl im Badezimmer trieb, nie gegeben, nenne ich die zweite Überraschung, die mir endlich des Rätsels Lösung beschert, auch dies bereits im Augenblick ihres Entstehens, also noch immer im Augenblick des Öffnens der Tür, nicht mehr Überraschung, sondern das „einzig mögliche Ende dieser traurigen Geschichte“. Ich sage mir: So musste es wohl kommen. Schon rede ich mir ein, die eben noch so schmerzliche Ungewissheit über Madames Treiben sei gar keine gewesen; tatsächlich hätte ich es die ganze Zeit über gewusst. Noch ein Weilchen und ich glaube es wirklich. Faszinierend. Das Badezimmer ist natürlich, wäre das hier eine Bühne und ich der Schauspieler, das Publikum hätte es längst begriffen, gähnend leer. Keine Madame, nirgends.
Was ist hier bloß passiert? Wie konnte sie mir entwischen? Mit Blick auf das offen im Winde wackelnde Fenster schwant mir Böses. Sie wusste doch hoffentlich, dass sie sich im zweiten Stock befand? Ich lege die zwei Schritte von der Tür zum geöffneten Fenster in der Annahme zurück, dass sie auf der Flucht abgestürzt ist und es nun mir obliegt, die unappetitlichen Folgen ihres Affekts aufzukehren. Ich strecke den Hals zum Fenster hinaus, doch nein, es liegt kein unnatürlich verrenkter Leib zwischen den Mülleimern. Respekt, Madame, für diesen waghalsigen Abgang. Aber warum hat sie das getan? Ich nehme nach Luft schnappend und auf dem Klositz Platz. Jetzt bin ich es, der den Kopf hängen lässt. Warum? An meiner Liebesfalle kann es nicht gelegen haben, die ist perfekt. Mein Essen hat ihr ebenso geschmeckt wie meine Schmeicheleien. Den Trick mit den Kerzen wird sie wohl auch nicht durchschaut haben. Oder sollte ich etwa…? Nein, eine schnelle Überprüfung des Abfalls im Bad ergibt, dass sich darunter keine vergessene Verpackung dieser Import-Glühbirnen mit zu niedriger Voltzahl befindet. Unter meinem Arm schnuppere ich ohne Befund. Also: Warum tust du mir das an! An mir kann es nicht liegen. Bleibt nur eine Antwort, die Schuld ist bei ihr zu suchen. So sind sie. Kennen kein anderes Gesetz als ihren eigenen Willen. Tun, was ihnen gefällt. Glauben, sie wären keinerlei Rechenschaft schuldig. Schön, soll sie doch sehen, wie weit sie damit kommt, mich ficht das jedenfalls bestimmt nicht an. Verfluchtes Weib. Für die letzten beiden Worte habe ich mich erhoben und ans Fenster gestellt. Ich brülle sie in die Nacht. Doch da draußen regt sich nichts. Mein Fluch hat nicht einmal genügend Kraft ein Echo hervorzurufen. Es ist alles vergebens. Sie ist mir entwischt. Ich bin wieder allein.
(c) Mathias Röckel
