Schwarzwald
HEMINGWAY
Auch Ernest Hemingway war einmal im Schwarzwald. Allerdings hat der Meister des Weglassens (Manchmal lasse ich die Substantive weg, manchmal die Verben. Manchmal sogar den ganzen beschissenen Satz.) das mit dem Weglassen bei der Niederschrift seiner Schwarzwaldabenteuer dann doch etwas übertrieben. Seine Werksausgabe gibt über den Schwarzwald nicht mehr her, als diese paar dürftigen Zeilen:
Nach dem Krieg pachteten wir einen Forellenbach im Schwarzwald, und es gab zwei Wege, die dorthin führten. Einer ging durch das Triberger Tal hinab und schlängelte sich an der Talstraße entlang im Schatten der Bäume, die die weiße Straße einsäumten, und dann eine Seitenstraße hinan, die durch die Hügel hinaufführte, an einer Menge kleiner Anwesen mit großen Schwarzwaldhäusern vorbei, bis jene Straße den Bach überquerte. Hier begann unser Fischwasser.
Man konnte sonst auch steil bis zum Waldsaum hinaufklettern und dann über die Hügelkuppen durch die Tannenwälder hinauf bis an den Rand einer Wiese gehen und über die Wiese hinunter bis zur Brücke. Es standen Birken am Bach, und er war nicht breit, sondern schmal, klar und reißend mit kleinen Ausbuchtungen dort, wo er die Wurzeln der Birken unterhöhlt hatte. Der Hotelbesitzer in Triberg hatte eine ausgezeichnete Saison. Er war besonders nett, und wir waren alle sehr befreundet. Im nächsten Jahr kam die Inflation, und das Geld, das er im Jahr zuvor verdient hatte, reichte nicht aus, um Lebensmittel für den Beginn der neuen Saison zu kaufen, und er erhängte sich.
Die Stelle findet sich in „Schnee auf dem Kilimandscharo“. Das ist die Erzählung, über die Hemingway gesagt haben soll, sie sei so gut, wie ich’s mir nicht besser wünschen kann – und mit welcher Hemingway das literarische Potenzial des Schwarzwalds für erschöpft hält.
Bin ich der Einzige, der sich da versäckelt vorkommt?
Einem unerschrockenen Kerle wie Hemingway (Na, du jämmerlicher Lump, wie kannst du so frech sein und dich hier hinstellen und den Autos den Weg versperren, wo du doch weiter nichts bist als ein erbärmlicher Bär, und noch dazu ein Schwarzbär – nicht einmal ein Eisbär oder ein Grizzly oder sonst etwas Besseres.) wird der Schwarzwald doch wohl etwas mehr geboten haben, als einen Hotelbesitzer, mit dem man sehr befreundet sein kann, und ein Fischwasser?
Aber nein, Hemingways Bücher schweigen darüber. Wer mehr über Hemingway im Schwarzwald wissen will, muss darum den Lesesessel mit dem Fahrradsattel vertauschen und seine eigenen Nachforschungen anstellen. So wie ich. Am Ort des Geschehens. Oder weiterlesen.
Das nun eigentlich für diesen Abschnitt vorgesehene Protokoll meiner Ermittlungen lasse ich weg. Ich kann nämlich auch Sachen weglassen. Stattdessen folgt meine Definition des Begriffes Weltliteratur, die sich von der in Wikipedia angegebenen deutlich unterscheidet.
Wikipedia schreibt: Zur Weltliteratur werden Werke gezählt, die über nationale und regionale Grenzen hinweg große Verbreitung gefunden haben und die gleichzeitig als für die Weltbevölkerung bedeutsam erachtet werden.
Röckel aber schreibt: Weltliteratur ist so wie Weltmusik. Sie kommt ganz natürlich und unverdorben daher, da sie noch auf die Kraft der jedem Menschenkind bei seiner Geburt geschenkten Ur-Intuition vertraut, sich unbefangen von den Einschränkungen, die wir westlich geprägten Kunstkonsumenten uns von starren Theorien wie die des Metrums oder der Harmonik aufzwängen lassen, entfaltet, der es damit spielerisch gelingt, unsere vor lauter Gleichschaltung leider doch meist sehr verdorrten Lebenssinne neu zu erfrischen und dann entführt sie uns hin zu aufregenden Abenteuerreisen in ungeahnten Genusswelten. Kurz: Sie ist „authentisch“. Außerdem wohnen ihr Wahrheiten inne, von denen die Gelehrten in Stockholm oder sonst wo nicht einmal träumen.
Warum diese theoretische Abschweifung über die Weltliteratur? Weil ich ein derartiges Werk eigenhändig entdeckt habe. Im Gasthof „zum Rössle“.
Das Rössle liegt in Oberprechtal. In diesem unscheinbaren Gasthof kennt man die Wahrheit um Hemingways obskure Schwarzwaldreise. Generation um Generation bewahrt das Geheimnis darum, was Hemingway damals im Schwarzwald wirklich erlebte und – ich kann und muss es jetzt wohl genau so formulieren – der Nachwelt zu verheimlichen beschloss. Jenes weltliterarische Kunstwerk, ein Gedicht, welches im Rössle eingerahmt an der Wand hängt und die unverblümte Wahrheit mitteilt, war der Menschheit außerhalb des Rössles bislang nicht zugänglich. Wenn ich die entscheidenden Passagen hier und heute veröffentliche, handelt sich also um eine Weltpremiere.
Ich denke, mein Publikum weiß das zu würdigen?
Gut. Dann soll sie hier also ausgesprochen werden, die Wahrheit über Hemingway im Schwarzwald, dokumentiert in dem Gedicht „Hemingway im Schwarzwald“:
Zurzeit grassiert in Oberprechtal das Hemingway-Fieber
einst kam dieser Mann von Amerika rüber
für unser Dörfle gewiß eine Sensation
deshalb reden wir ja heut noch davon
Der Amerikaner wollte unbedingt den Schwarzwald besuchen
und in Oberprechtal für einige Tage Urlaub buchen
im Gasthaus zum „Rössle“ machte er Rast
war aber durchaus kein lieber Gast
er war ein Kritiker von A – Z
gegen seine Gastgeber unhöflich und keineswegs nett
Die Wirtsleut hat er mit Ochs und Kamel verglichen
den Misthaufen vor dem Haus konnte er auch nicht riechen
die Gaststube war ihm zu dunkel und zu düster
der damalige Rösslewirt hatte eben noch keine „Lüster“
seine Schlafstätte hat ihm auch nicht behagt
er hat sich darüber sehr beklagt
das Bettlaken war zu klein und zu kurz
aber wahrscheinlich größer als ein Lendenschurz
Wenigstens hat ihm das Essen geschmeckt
ich glaube, er hat sich einige Pfunde zugelegt
kein Wunder, wenn Schwarzwälder Speck und Schwarzwälder Schinken
nebst anderen Delikatessen winken
Daneben hat er in der Elz nach Forellen gefangen
aber die Anglerei ist ihm bald vergangen
es ging ihm dabei elend miserabel
ein Bauer verfolgte ihn mit der Mistgabel
das war für den Amerikaner ein gewaltiger Schreck
und auf einmal war Hemingway weg.
DER GLETSCHERFLOH
Mitten im deutschen Winter auf eine warme Insel zu fliegen, ist ein profanisiertes Abenteuer – hat jeder längst erledigt und kann außer den Deppen, die eh nie was kapieren, keinen mehr begeistern. Im Winter einen auf Sommer zu machen, ist so was von out.
So was von in ist es hingegen, im Sommer einen kleinen Winterurlaub einzuschieben.
Kaum vorzustellen, aber die Bahn zuckelt tatsächlich einfach mitten durch den Eiger. Dessen Nordwand war einmal eines der drei letzten großen Probleme der Alpen. Hinterstoisser und so. Am Stollenloch kurz anhalten, runterschauen, gedenken und den Schwindel genießen. Dann hinauf aufs Jungfraujoch.
Das ewige Eis der Alpen. Schnee und Kälte. Der Gletscher.
Nicht die Dicke der Eisschicht (bis zu 900 Meter), nicht ihr Alter (geboren während der letzten Eiszeit, duh) und auch nicht der Hinweis darauf, dass der Gletscher pro Tag rund einen halben Meter talwärts fließt und dass das tatsächlich fließen heißt, interessiert mich im Moment am Aletschgletscher.
Stattdessen richte ich meine Aufmerksamkeit auf ein Lebewesen, welches allein schon aufgrund seines possierlichen Namens meine höchste Sympathie genießt. Die Rede ist, natürlich, vom Gletscherfloh.
Der Name Gletscherfloh gefällt mir so gut, dass ich ihn, auch wenn er an dieser Stelle nichts zum Fortgang der Geschichte beitragen wird, gleich noch einmal aufschreiben muss. Gletscherfloh.
Der Gletscherfloh ist so etwas wie ein Floh, der auf dem Gletscher lebt. Beim Gletscherfloh handelt es sich um das einzige Lebewesen hier oben, dem die Evolution die fürs ganzjährige Überleben auf dem Gletscher nötige Ausrüstung zugeteilt hat. Das heißt in diesem speziellen Fall vor allem: viel Alkohol.
Diesen Alkohol produziert der Gletscherfloh, dessen Name sich übrigens auch ganz hervorragend als Kosewort für Verliebte eignet, ganz allein. Der Gletscherfloh macht seinen eigenen Alkohol, in sich drin! Keine Ahnung, wie der Gletscherfloh das anstellt, aber der Gletscherfloh schafft das. Und mithilfe seines selbst erzeugten Alkohols gelingt es dem Gletscherfloh, sein Gletscherflohblut auch bei Tiefstemperaturen vom Gerinnen abzuhalten. Darum gumpt der Gletscherfloh in der Saukälte hier oben lustig hin- und her wie das eben nur ein Gletscherfloh kann.
Auf den Wirt verzichtet der Gletscherfloh übrigens nicht nur beim Alk, sondern auch hinsichtlich seiner sonstigen Ernährung. Ein Gletscherfloh pfeift auf das Wirtstier. Der Gletscherfloh ist nicht darauf angewiesen, dass sich Gemsen aufs Eis verirren oder Gletschertouristen, die er ausnehmen könnte. Der Gletscherfloh beißt niemanden, sondern ernährt sich, so erklärt es uns eine ausgewiesene Biologin, von „Algen, Pollen und allem, was so rumfliegt“.
So ähnlich wie Carepakete, denke ich mir – und danke den Bäumen, die eine ziemliche Distanz weiter unten wachsen, dafür, dass sie dem Gletscherfloh in seiner Mangelwirtschaft so spendabel aushelfen.
Der Gletscherfloh selber kann das ja nicht tun. Bei Temperaturen über 12 Grad plus würde der Gletscherfloh nämlich vor Hitze Atemnot bekommen und ersticken.
Der Gletscherfloh.
FREIBURGER BÄCHLE
Die Freiburger Bächle: Die Gäste sagen, ach wie putzig. Kinder latschen entrückt in ihnen herum. Hineingefallene erhalten eine(n) Freiburger(in) zum/zur Gatt(in). Und die Bürger loben ihren Wert als untrennbar an die Breisgaumetropole gekoppelte Träger lokaler Identität. Alle lieben die Freiburger Bächle, von den Freiburger Bächle kommt nur Gutes. Könnte man meinen.
Der Runzmeister aber weiß es besser.
Der Runzmeister ist mit seinen Runzknechten dafür verantwortlich, dass das Wasser in den Freiburger Bächle fließt. Daher weiß er, dass eben jenes Wasser, welches beim Schwabentor aus dem Stollen ans Tageslicht tritt, für wenige Minuten den lustigen Innenstadtanimateur gibt und dann wieder im Erdboden verschwindet, weiter in Richtung Bahngleise fließt, diese unterquert, auf der anderen Seite für ein paar kurze Meter als veritabler Bach in lautstarke Erscheinung tritt, wieder unter der Erde verschwindet, noch einmal kurz zum Bächle wird bevor es einen Park durchquert, sich hinter dem technischen Rathaus und der Berufsschule versteckt, abermals abtaucht, weil es eine Straße zu unterqueren hat und beim Arbeitsamt einen Seerosenteich füllt, um dann zum Gegenstand des im folgenden geschilderten Verteilungskampfs zu werden.
Es heißt, die Kriege der Zukunft werden nicht ums Öl, sondern um Wasser geführt. In Freiburg hat die Zukunft schon begonnen. Die Schrebergartenkolonie hinter dem Arbeitsamt bekommt vom Runzmeister eine Wassermenge zugeteilt, die eigentlich für alle reichen sollte. Der Garten an der südwestlichsten, der höchstgelegenen Stelle der Kolonie jedenfalls hat genug Wasser. Klar und reichlich sprudelt es aus dem Boden. Rundherum wächst das Gras saftig und grün, die Früchte sind prall und strahlen, um die vielen exotischen Blumen brummt das Insektenvolk und damit die Wasserquelle standesgemäß zur Geltung kommt, haben die hier residierenden Kleingärtner ihr exakt im Zentrum des Gartens ein Becken errichtet. Aus Marmor. Daneben steht ein gelangweilter Pfau.
Die Schrebergartenkolonie ist wie auch die Freiburger Innenstadt genau dergestalt abschüssig, dass das Wasser jeden beliebigen Punkt erreichen kann. Vier Runzen, so heißt das Bächle, sobald es eine landwirtschaftliche Aufgabe erfüllt, sorgen dafür, dass jeder Gärtner seinen Anteil Wasser erhält. Was übrig bleibt, fließt am unteren Ende der Gärten zusammen, um seinen talwärtigen Pflichten nachzukommen. So sieht es Runzmeisters Planung vor.
Die Realität der Kleingärtner jedoch ist eine andere. Die Ungerechtigkeit beginnt schon an der ersten Wasserscheide, einem nur einen Meter neben dem Marmorgarten befindlichen und öffentlich zugänglichen, betonverschalten Auffangbecken mit einem Zu- und zwei Abflüssen. Erbaut wurde das Becken so, dass beide Abflüsse auf exakt gleicher Höhe liegen. Das hat zur Folge, dass den unterhalb des ersten Abflusses gelegenen Gärtnern, denen an Runze eins, offiziell exakt die gleiche Menge Wasser zur Verfügung steht wie denen von Runze zwei, drei und vier zusammengenommen. Runze eins bekäme demnach unfaire 50 Prozent des gesamten Wassers. Die Runzen zwei bis vier müssten mit jeweils 16,6667 Prozent auskommen.
Eine rasche Inaugenscheinnahme des Beckens zeigt jedoch, dass einer der beiden Abflüsse nachträglich manipuliert wurde und zwar derjenige, welcher Runze eins versorgt. Er wurde künstlich vertieft. Jetzt fließen nicht 50, sondern bestimmt 70 Prozent des Wassers in Runze eins.
Blieben je zehn Prozent für Runze zwei, drei und vier.
Ortsbegehung an Runze zwei. Natürlich plätschert das Wasser hier längst nicht mehr so lustig und üppig wie in Runze eins. Dennoch scheint es auszureichen, um den Anliegern eine reiche und abwechslungsreiche Ernte zu bescheren. Saftige Beeren, rote Tomaten, selbst der hässliche Kohlrabi steht gut im Saft. Dass dem so ist, verwundert aber auch nicht weiter, denn wie die Zweigstelle ab Kopf von Runze zwei offenbart, geben sich die Anlieger von Runze zwei nicht mit den ihnen von Runze eins zugedachten zehn Prozent Wasseranteil zufrieden. Auch hier ist deutlich erkennbar eine künstliche Runzbettvertiefung zu erkennen: Runze zwei zweigt sich rund drei Viertel der verbliebenen 30 Prozent des Gesamtwasseretats ab.
Auf zu Runze drei. Runze drei unterscheidet sich von den Runzen eins und zwei in zwei Punkten: Erstens beläuft sich der Anteil, den Runze drei von den 7,5 Prozent des Gesamtwassers, das hier ankommt, für Runze vier übrig lässt auf exakt null Prozent. Zweitens verläuft die gesellschaftliche Spaltung hier erstmalig inmitten der Runzanrainer: Je tiefer ein Garten an Runze drei liegt, desto trockener. Dafür sorgen verschiedene trickreiche Umbauten. Da wurden Staudämme errichtet, Schleusen gebaut, Badewannen und Regentonnen im Runzbett versenkt. Alles mit dem einen Ergebnis: Jeder behält so viel Wasser für sich, wie er es für richtig hält, und lässt den Rest gnädigst nach unten sickern. Viel bleibt da nicht übrig.
Folglich können es die am tiefsten gelegenen Grundstücke an Runze drei in Sachen Kargheit und Dürre locker mit denen von Runze vier aufnehmen. Wenn man bei Runze vier überhaupt noch von Runze sprechen darf. Das Ding ist vollständig erodiert, zugeschüttet, versteppt und zugewuchert. Hier kommt schon lange kein Wasser mehr an. Die Gärtner starren resigniert in die sengende Sonne, manchmal schichten sie Steine auf Steine. Jede Hoffnung auf Runzwasser haben sie schon lange fahren gelassen.
Und das alles, liebe Berliner, nur zwei, drei Kilometer von der Stelle entfernt, wo ihr eure müden Füße im ach so putzigen Bächle badet. Darüber solltet ihr bei Gelegenheit einmal nachdenken.
Das Verb runzen ist übrigens alemannisch und bedeutet so viel wie „in sanften Wellenbewegungen dahin fließen.“ Das zugehörige Adjektiv heißt runzig. Einem Schwarzwaldmädchen könnt ihr ein schöneres Kompliment nicht machen, als ihm zu sagen, es habe eine ganz runzige Haarfrisur.
Probiert das ruhig mal aus.
NEUES VOM GLETSCHERFLOH
Es gibt Neuigkeiten von meinem Freund dem Gletscherfloh. Wenn ich eine Nachrichtenagentur wäre, müsste ich sie unter dem Rubrum Korrektur veröffentlichen. Zumindest wenn ich eine sehr penibel arbeitende Nachrichtenagentur wäre, denn mein früherer Beitrag zum Gletscherfloh ja nicht eigentlich fehlerhaft. Er ist bloß nicht ganz vollständig. Er ist für den oberflächlichen Leser etwas irreführend.
Nun denn: Die Geschichte vom Gletscherfloh ist, so wie ich sie aufgeschrieben habe, die Geschichte eines Superhelden, der dank seiner Superpower (wir erinnern uns: Der Gletscherfloh wurde von der Evolution in die Lage versetzt, im eigenen Körper Alkohol herzustellen und so übelste Niedrigtemperaturen auszuhalten) auf Gletschern zu überleben vermag, die für herkömmliche Lebewesen tödlich wären. Der Gletscherfloh, so könnte mein Beitrag verstanden werden, lebt da oben in glücklicher Einsamkeit.
Nun, dem ist nicht so.
Neben dem Gletscherfloh wird der Gletscher, zumindest während der Sommermonate, noch von einem weiteren Lebewesen bewohnt. Vom Gletscherweberknecht. Und anders als der Gletscherfloh, der sich zur Alkoholgewinnung und mithin zum Überleben bekanntlich mit nichts weiter als ein paar Algen und Pollen bescheidet, gibt sich der feine Herr Gletscherweberknecht in Fragen der Ernährung weitaus anspruchsvoller.
Wie soll ich das jetzt sagen?
Ähnlich wie der Gletscherfloh versteht es auch der Gletscherweberknecht, den widrigen Umständen in eisiger Höhe zu trotzen; also, auch der Gletscherweberknecht ist ein wahrer Überlebenskünstler, in einer ökologischen Nische minimaler Größe und maximaler Schwierigkeit ist es dem Gletscherweberknecht gelungen; zur Natur in ihrer unendlichen Erfindungsreichtum zählt selbstverständlich auch der Gletscherweberknecht, ein Lebewesen, welches, ach, was soll’s:
Der Gletscherweberknecht futtert Gletscherflöhe.
So jetzt ist es raus. Und ich bin zwar genau so wenig für die Launen von Mutter Natur verantwortlich wie ich eine Nachrichtenagentur bin. Aber trotzdem möchte ich meine Leser für diese Gletscherflohkorrektur aufrichtig um Entschuldigung bitten. Es tut mir leid. Ehrlich.
Dieser miese Sack!
SCHAUINSLANDKÖNIG
Manch männlicher Fahrer hat sich im ewigen Streben nach Gewichtsreduktion und Windschnittigkeit seiner Beinbehaarung entledigt. Manch eine Frau hingegen kultiviert eine solche ausdrücklich, wohl um ihren Gegnern hormonelle Überlegenheit zu signalisieren. Bei dem Starter ein paar Meter rechts von mir wiederum kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, er habe seinen Körper aus hochwertig verarbeiteten Einzelteilen custom designed. Karbonskelett oder so.
Die durchtrainierten Fahrer auf ihren schnittigen Velos lassen jegliche Nervosität vermissen: Sie bestehen darauf, sich gegenseitig den Vortritt in Richtung Startrampe zu gewähren; sie witzeln über verpasste Trainingseinheiten; einer gähnt unverhohlen. Ganz schön beängstigend. Denn wer sich angesichts über 800 Höhenmeter auf knapp zwölf Kilometer solche Gelassenheit erlauben kann, muss sich seiner Sache einigermaßen gewiss sein.
Wir befinden uns im Starterfeld zum Schauinslandkönig 2010 und obwohl es sich hier um ein so genanntes Jedermannrennen handelt, muss ich feststellen: Die Teilnehmer stehen allesamt überdurchschnittlich gut im Saft.
Waschechte Einzelbergzeitfahrer eben.
Aber dann gibt es hier noch natürlich noch eine zweite Kategorie Starter. Das sind die ganz Harten. Das sind Männer wie ich. Für Männer wie mich ist der Schauinsland das Hausbergle. Männer wie ich wissen schon gar nicht mehr, wie oft sie den Schauinsland schon hochgesaust sind. Männern wir mir fällt manchmal sonntags früh auf dem Heimweg von Räng Teng Teng in den Stühlinger ganz spontan ein, dass wir noch gar nicht richtig ins Bett wollen. Dann drehen Männer wie ich eben noch schnell eine Runde über den Schaui.
Männer wie ich bezeichnen die Hügel des Schwarzwalds abfällig als „die Halbstarken unter den Gipfeln Europas“. Für uns ist das ganze Königgedöns hier vielleicht eine ziemlich witzige Idee – aber eine ernstzunehmende Herausforderung sieht dann doch noch einmal einen Tick härter aus. Deshalb kurbeln Männer wie ich heute nicht schnöde alleine den Schauinsland hoch. Männer wie ich laden sich noch ein paar Kilo Gepäck hintendrauf. In Form eines lockigen Fünfjährigen, den wir auf seinem gestreiften Puky-Kinderrad an einer Eisenstange hinter uns herschleppen.
Soweit zumindest der Eindruck, den ich zu vermitteln hoffe.
Die Wahrheit sieht ein wenig anders aus. Das Ding gewinnen und mit der Krone auf dem Kopf mit den Kameras der Weltpresse flirten? Das würde mir schon gefallen. Aber von der Bestzeit, nicht einmal eine halbe Stunde, bin ich dann bei realistischer Einschätzung doch noch ein bisschen entfernt. Bei realistischer Einschätzung bin ich eigentlich auch von der Durchschnittszeit, so etwa eine Stunde, ziemlich weit entfernt. Im Frühjahr bin ich den doofen Berg nämlich schon einmal hochgeschnauft. Dabei wurde ich nicht nur alle paar Minuten von lustigen Rennradlern überholt, einmal hielt sogar eine mitleidige Rentnerin in ihrem Opel extra am nächsten Parkplatz an, wartete geduldig auf mich und bot mir dann an, mich samt meinem Fahrrad mit auf den Gipfel zu transportieren.
Solch Mitleid darf mir heute nicht widerfahren und wenn ihr die Wahrheit wissen wollt: Nur deshalb habe ich den blonden Copiloten mit dabei!
Gemeinsam rollen wir von der Startrampe und ich trete los, was das Zeug hält. Alle 15 Sekunden wird ein Fahrer auf die Strecke geschickt – und nach genau fünfundzwanzig Sekunden wird unser Gespann das erste Mal überholt. Nach sechzig Sekunden das zweite Mal. Nach zwei Minuten das dritte Mal. Dann höre ich auf, die Sekunden und die Überholenden zu zählen. Ich muss mich jetzt nämlich ganz auf die verdammte Strampelei konzentrieren.
So ungefähr nach einem halben Kilometer Plackerei ist es allerdings schon wieder vorbei mit dem Konzentrieren. Von hinten höre ich nämlich beunruhigende Geräusche, sie nähern sich besorgniserregend schnell. Ich riskiere einen Schulterblick, erkenne, wie der Typ mit den Karbonknochen von vorhin auf uns zurast – und muss unwillkürlich lachen. Denn wenngleich der Fahrer und sein Velo eine wirklich unverschämt elegante Symbiose eingehen, so machen doch die Geräusche, die er dabei von sich gibt, den guten Eindruck gründlich zunichte. Ich will es mal so formulieren: Der Kerl tritt ungefähr so in die Pedale, wie Monica Seles auf den Ball haut. Aber immerhin, als er an uns vorbeizischt, nimmt er sich die Zeit, die rechte Hand für einen Moment vom Lenker zu lösen und uns ein seinen hoch gestreckten Daumen zu zeigen.
Hat diese Menschmaschine uns gerade Respekt gezollt?
Ich verlangsame meinen Tritt ein wenig, komme endlich ein bisschen zu Atem und nehme mir zum ersten Mal die Zeit, mich nach meinem Passagier umzudrehen. Nicht nur, dass der da hinten auf seinem angehängten Fahrrad tapfer mitstrampelt: Im Gegensatz zu mir trägt er dabei auch ein entspanntes Lächeln im Gesicht. Er summt sogar vergnügt vor sich hin. Und er findet die Zeit, jedem einzelnen der uns im 15-Sekundentakt überholenden Gegner aufmunternd zuzuzwinkern.
Dank des charmanten jungen Herrn an Bord fliegen uns tatsächlich die Herzen aller Mitradler zu. Jeder zweite verlangsamt sogar kurz seinen Tritt, um ein paar Worte mit uns zu wechseln: Gebt alles, ihr schafft das bestimmt! Da oben wird’s flacher! Oder an die Adresse des rückwärtigen Rennfahrers: Gut machst du das, immer schön anschieben! Und dann endlich die Worte, die unmissverständlich und exklusiv an mich gerichtet sind: Mensch, Respekt, Junge! Das muss ja ganz schön schwer sein! Mit dir wollte ich jetzt aber bestimmt nicht tauschen!
Und das ist der Moment, in dem auch ich endlich verstehe, dass mein eiskaltes Kalkül voll aufgegangen ist. Ungefähr so hatte ich mir das vorgestellt: Wie immer fallen wir gnadenlos zurück – aber heute werden wir dabei ausnahmsweise einmal beglückwünscht…
Danke, Nicolas! Du bist mein Schauinslandkönig!
STACHELSPORIGES BRACHSENKRAUT
Im deutschen Sprachraum tätige Blogs müssen bekanntlich ein Impressum aufweisen, komplett mit Anschrift. So ein Impressum bringt es mit sich, dass auf einmal die Berliner vor der Tür stehen und jetzt ganz gerne mal diesen Lawinenfloh sehen würden.
Mit dem Gletscherfloh allerdings will ich bei aller Liebe heute nicht schon wieder zu tun haben. Ob sich die Berliner stattdessen vielleicht für einen kleinen Ausflug zum Feldsee erwärmen könnten? Die hiesige Flora und Fauna weist nämlich noch viele weitere liebenswürdige Vertreter auf. Zum Beispiel das Stachelsporige Brachsenkraut.
Die Fahrt von Freiburg an den Feldsee verläuft exakt so, wie sie immer verläuft. Erst kommt das Dörflein Himmelreich, dann fahren wir ins Höllental. Die Fremden kommentieren diese kuriose Abfolge von Orts- und Flurnamen. Einige Kurven später kämpfe ich vergeblich gegen den Zwang an, genau wie jeder jeder jeder Schwarzwälder, der er an dieser bewussten Stelle vorbeikommt, in die Höhe zu deuten und zu behaupten, von da nach dort sei einmal ein Hirsch gesprungen. Das wüssten hier alle. Deswegen heiße die Stelle auch so: Hirschsprung.
Dann stehen wir am Feldsee. Die Berliner staunen. Ich, auch das exakt so wie immer, auch. Wie rund der See ist. Wie sich die Bäume im Wasser spiegeln. Wie es direkt hinter dem See senkrecht hinauf geht in Richtung Feldberggipfel. Wie an diesem Steilhang trotzdem Bäume wachsen können. Wie aufrecht die Bäume dastehen. Wie Ballettschülerinnen.
Wie sehr mir der Klang dieser beiden Worte gefällt: Stachelsporiges Brachsenkraut.
Das Stachelsporige Brachsenkraut, beginne ich meinen Vortrag, ist ein Relikt der letzten Eiszeit. Es lebt seit mindestens 8.000 Jahren hier im Feldsee. Früher diente das Stachelsporige Brachsenkraut unzureichend belegten Vermutungen von Sprachwissenschaftlern zufolge als Transport-, Verkaufs- und Anrichteaccessoire für Brachsen. Brachsen sind Brassen oder auch Bresen, so eine Art Karpfen, auf jeden Fall Fisch. Diese Fische sollen nach dem Fang auf dem Brachsenkraut gelegen haben, deswegen Brachsenkraut. Stachelsporig deshalb, weil seine Sporen kleine Stacheln haben. Die Sporen kommen bei der Fortpflanzung des Stachelsporigen Brachsenkrauts zum Einsatz.
Allerdings ist es dabei nicht sonderlich emsig. Überhaupt, das Leben des Stachelsporigen Brachsenkrauts ist ein schweres. Entenscheiße, Menschengetrampel und Hundepipi verkraftet es gar nicht. Wasser ist auch schwierig. Obwohl das Stachelsporige Brachsenkraut als Unterwasserfarn nun mal zum Leben im Wasser verdammt ist, tut es bei der Wasserauswahl ähnlich verschneugt wie diese Damen, für die es nur Evian sein darf oder Vittel oder San Pellegrino: Das Stachelsporige Brachsenkraut residiert grundsätzlich nur in ufernahen Wassern und zwar ausschließlich in solchen mit sandigem oder schlammigem Untergrund. Das Wasser sei bitteschön arm an Nährstoffen, nach Möglichkeit ohne Kalk und auf jeden Fall, das ist ganz wichtig, stets frei von jeglicher Trübung.
So ist es, das Stachelsporige Brachsenkraut: Im Schlamm stehen wollen, aber nur klarstes Wasser zulassen.
Führt man sich diese Ansprüche vor Augen, wundert es eigentlich nicht, dass das Stachelsporige Brachsenkraut heutzutage nicht mehr als Unterlage für Brachsen verwendet wird. Stattdessen steht es kurz vor dem Aussterben. Seine Lage ist wirklich dramatisch. Die paar Kubikmeter Wasser hier im zauberhaften Feldsee sind in ganz Mitteleuropa die letzte Zuflucht des Stachelsporigen Brachsenkrauts. Gut, einige wenige Exemplare soll es noch ein paar Meter weiter im Titisee geben. Aber der Titisee ist the Place to be für Kuckucksuhrtouristen. Die lassen unserem Sensibelchen wenig Raum für Erholung und folglich scheint es im ganzen Schwarzwald niemanden zu geben, der ernsthaft an ein Überleben des Stachelsporigen Brachsenkrauts im Titisee glaubt. Oder sich für ein solches stark machen würde. Kuckucksuhren sind schließlich einträglicher als aussterbende Unterwasserfarne und dieser teure Tretbootfuhrpark hat gefälligst sein Soll zu erfüllen.
Nein, liebe Berliner, es sieht nicht gut aus für das Stachelsporige Brachsenkraut. Sehen könnt ihr, die ihr die weite Reise von der Hauptstadt in den Hochschwarzwald und an den für meine Begriffe schönsten See Deutschlands auf euch genommen habt, das Stachelsporige Brachsenkraut übrigens leider nicht. Zu dunkel das Wasser, das Ufer zu bewachsen. Aber ihr wisst jetzt, dass es hier lebt und wie es hier überlebt.
Auf dem Hinweisschild da vorne könnt ihr immerhin ein gemaltes Bild des Stachelsporigen Brachsenkrauts anschauen. Schön sieht es ja nicht gerade aus. Auf dem Schild wird auch noch mal genau erklärt, warum wir jetzt, sommerlichen Temperaturen und kühlem Bergwasser zum Trotz, nicht zur Erfrischung in den Feldsee hüpfen werden. Aber ihr kennt den Grund ja jetzt schon. Ich nenne ihn, damit ihr in euch auch wirklich und für immer merken könnt, noch ein letztes Mal: Stachelsporiges Brachsenkraut.
NAZI IM MATSCH
Liebe Berliner, ihr habt die Fanmeile, aber wir haben das Wiesental. Im Wiesental liegt Schönau, die Heimatstadt von Jogi Löw, und wer dort dieser Tage Fußball schaut, muss sich nicht wie ihr mit lauter Schwarzrotgeilen ums schale Plastikbier kloppen, sondern bekommt es mit einer ordentlichen Krone sowie einem freundlichen Lächeln serviert. Dem Vernehmen nach gelegentlich von Peter Löw persönlich, das ist der kleine Bruder des Bundestrainers. Löw leitet das Vereinsheim des FC Schönau – dem Club des bescheidenen gebliebenen Ortes, AN DEM ALLES BEGANN!!!
Wer dort mitmachen will, ist herzlich willkommen. Auch du. Und die ganzen Schweizer, die gemäß Blick, der Bildzeitung der Schweiz, nun wegen der deutschen Kicker und ihrem ansprechenden Spiel auch alle deutsch sind. Ich weiß um die Massenmigration, weil mir bei der Heimfahrt vom jüngsten Besuch bei meinem Freund, dem Gletscherfloh, die Gratisausgabe Blick am Abend in die Hände fiel.
Dort gibt es die Meldung, dass dank der deutschen Spielfreude, die „auch für Schweizer unwiderstehlich“ sei, das „verkrampfte Verhältnis zwischen Schweizern und Deutschen“ nun etwas „gelockert“ werde. Darauf folgt folgende Anleitung.
Um wie ein Deutscher einen Fussball-Match zu schauen, muss man zuerst die Sprache anpassen: Es heisst nicht Match, sondern Spiel, nicht Corner, sondern Ecke, nicht Goal, sondern Tor. Zum Spiel wird Bier wie Wasser getrunken, am besten Astra Pils oder Erdinger Weissbier, um den Bayern in der deutschen Elf, wie Lahm Schweini, Klose und Super-Müller, zu huldigen. Wer Panaché bestellt, muss „Radler“ dazu sagen. Den Siegeshunger stillen sie mit einer Currywurst mit „Pommes“. Wenn sie die Pommes mit Ketchup und „Mayo“ essen, nennen sie diese Kombi „Schranke“. Ab und zu „Ihr könnt nach Hause gehen“ grölen nicht vergessen!
Was mir an dieser kleinen Landeskunde besonders gefällt? Sie ermöglicht es meinen Berliner Lesern (oder auch meiner Kölner Leserin: Hallo Nadia!), Rückschlüsse auf die Fußballgewohnheiten der Schweizer zu ziehen. Wer will, kann nämlich Teile obiger Anleitung einfach rückübersetzen und dann beispielsweise in der Basler Bar du Nord schön unbehelligt Spiele schauen.
Auf einen Punkt möchte ich allerdings zuvor noch hinweisen. Es heißt in der Tat nicht das Match, sondern der Match. Match wird Matsch gesprochen. Außerdem heißt die Schweizer Nationalmannschaft Nati. Nati wird Nazi gesprochen. In der Schweiz ist es daher vollkommen angebracht, laut zu grölen, wenn die Nazi den Matsch gewinnt.
WO LÄSST SICH’S LEBEN IN FREIBURG?
Berlin mag für Nicht-Berliner die erstaunlichste Stadt des Universums sein, für ihre Bewohner hingegen ist sie in weiten Teilen unzumutbar. Ganze Stadtteile sind tabu. Erträglich ist eigentlich nur der eigene Kiez und selbst darauf ist kein Verlass, denn so ein Kiez hält nur ungefähr sieben Jahre. Dann heißt es wieder Koffer packen.
Das strengt natürlich an. Manch ausgelaugter Hauptstädter sucht daher nach kleinen Fluchten und so besteigt er unseren Münsterturm, lässt den Blick über die Dächer Freiburgs schweifen und gibt sich der Sehnsucht hin. Es könnte so schön sein, so einfach. Nie wieder mitleidige Blicke von Bewohnern besserer Bezirke. Nie wieder Robben & Wientjes. Und nie wieder diese ermüdenden Unterhaltungen mit Besuchern aus Restdeutschland, deren Verständnis für die stadtgeographischen Untiefen Berlins in der immergleichen Frage gipfelt, ob das hier jetzt eigentlich Ost- oder Westberlin sei.
Nur noch einmal umziehen, nach Freiburg, und alles wird gut.
Aber nicht so schnell, Hauptstädter. Seiner Größe nach könnte sich Freiburg zwar locker im Flughafen Tempelhof verstecken oder hinter Mahrzahn. Aber in seiner Vielschichtigkeit steht Freiburg Berlin in nichts nach. Auch hier muss die Nachbarschaft sorgfältig ausgewählt werden.
Daher folgende Hinweise an alle, die nach Freiburg ziehen wollen:
Ganz verkehrt lebt es sich in der Vauban. Ich muss das wissen, ich habe früher selber dort gewohnt, direkt nachdem die Franzosen aus der Kaserne fortgezogen waren. Wir hatten lange Haare und unsere Partys dauerten drei Tage. Mittlerweile erinnert die Vauban leider an Prenzlauer Berg. Stellvertretend für die Bewohner der Vauban möchte ich einen jungen Herrn namens Heinrich vorstellen.
Ich schloss Heinrichs Bekanntschaft, als ich meiner alten Heimstätte unlängst einen sentimentalen Besuch abstattete. Heinrich muss in mir gleich den Auswärtigen erkannt haben. Er kam auf mich zu und stellte allerhand Fragen zu meinem Woher und Wohin. Hätte er dabei nicht so einnehmend freundlich gelächelt, ich wäre mir vorgekommen wie der ungebetene Fremde im Italowestern. Aber Heinrich war kein verschrobener Westläufer, Heinrich betrieb perfekte Konversation.
Zu perfekt.
Genau wie jedes Mal in Prenzlauer Berg befiel mich auch hier das Gefühl, einer neuen Hominidenart ins Auge zu blicken, Homo sapiens 2.0, dem alten Modell, mir, in jeder Disziplin überlegen. Er machte mir Angst und ich denke, dass Heinrich diese Angst kraft seiner hoch entwickelten Sensorik witterte. Das wiederum machte mich verdächtig und so leitete Heinrich mit dem Hinweis, ich sei hier jederzeit willkommen, solange ich nach den Regeln des Stadtteils spiele, das Ende unserer kleinen Unterhaltung ein. Er beantwortete noch die einzige Frage, die zu stellen ich imstande war („Mein Alter? Sechseinhalb Jahre.“), und empfahl sich mit dem Hinweis, ihn rufe nun bedauerlicherweise der Geigenunterricht.
Wahrscheinlich haben sie aber in der Vauban ohnehin keinen Platz mehr für euch. Daher droht das Rieselfeld.
Die Freiburger sind ein Volk ohne Raum, das Rieselfeld ist ihr am Reißbrett entworfenes Auffanglager. Zum Rieselfeld nur soviel. Seine Altersstruktur gestattet mir die Aussage, dass seine Bewohner in ihrer Kindheit oder Jugend allesamt den Film „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ gesehen haben müssen. Gerd Fröbe mit aufgeblasenen Backen. Es gibt nichts, was ein deutscher Offizier nicht kann.
In diesem Film stürzen ständig Flugzeuge ab und zwar in ein neben dem Flughafen gelegenes Areal namens Rieselfeld. Dieses Rieselfeld ist ein See aus Scheiße und obwohl alle diesen Film kennen, folgte, als ich bei einer Soirée im Rieselfeld einmal einen Scherz in dieser Richtung andeutete, nur verständnisloses Schweigen. Entweder haben die dort keinen Humor. Oder mit den Rieselfeldbewohnern verhält es sich wie sonst eigentlich bloß noch mit Behinderten und Mohammed. Man macht keine Witze über sie.
In der Wiehre wohnen Studienräte im Rentenstand, die Assis in Weingarten, Herdern kann sich kein Mensch leisten und in Freiburgs Innenstadt geht es zu, als führe die Simon-Dach-Straße durchs Charlottenburger Schloss. Vor historischer Kulisse trinken.
Im Umland Freiburgs wiederum verhält es sich ganz wie im Berliner Umland. Hierhin flieht, wer den Verlockungen der Stadt zu oft nachgegeben hat und nun aus Furcht vor einem vorzeitigen Ableben eine Art selbst auferlegten Frühruhestand genießt. Die kleine Ann-Sophie bekommt endlich ihr Pony, der Jonathan einen Bach zum Aufstauen und leiden kann die ganze Bagage schon allein deshalb keiner, weil die immer so penetrant grüßen.
Liebe Berliner, so sieht es in Freiburg aus, wenn ihr vom Turm wieder herunterkommt. Und jetzt wollt ihr sicher wissen, ob es denn in ganz Freiburg gar keinen Flecken gibt, an dem es sich aushalten lässt?
Doch, den gibt es. Er liegt gleich hinter dem Bahnhof und nennt sich Stühlinger. Der Stühlinger, genauer gesagt das Viertel zwischen Lehener-, Eschholz-, Wentzinger- und Engelbergerstraße, insgesamt sieben Blocks, hat wirklich alles, alles, alles, was einen Stadtteil lebenswert macht. Das ist schon allein daran zu erkennen, dass ich hier wohne. Aber was es genau mit dem Stühlinger auf sich hat, das ist eine andere Geschichte – und die soll ein anderes Mal erzählt werden.
WURSTSALAT, MARKKLÖSSCHENSUPPE UND SCHÄUFELE
Die badische Küche in ihrer Vielfalt schmeckt nicht nur vorzüglich, sie eignet sich auch dazu, neue Bekanntschaften zu schließen, zumal wenn drei der hilfsbereitesten einheimischen Herren, sie sitzen bereits am gedeckten Tisch in einem von Freiburgs regionaltypischen Altstadtrestaurants, auf drei britische Touristinnen treffen, die sich sehr aufgeschlossen zeigen und ohne lange Vorrede zu wissen verlangen, was die Herren denn bestellt hätten?
„Sausage salad.“
„Bone marrow soup.“
„Öhm, I’m not quite sure. Little shovels?“
Über die Frage, ob sie hier in der Gegend vielleicht eine Pizzeria empfehlen könnten, wollten die Herren auf die Schnelle keine Einigung erzielen, und als ihnen schließlich der rettende Gedanke kam, waren die Touristinnen schon außer Sicht. Sie werden hoffentlich nicht abgereist sein, ohne den weltberühmten Black forest flame cake kennen gelernt zu haben.
